17. September bis 15. November 2021

Es eröffnet sich uns eine neue, ganz eigene, kleine, äusserst faszinierende und phantasievolle Welt - feinste, fragilste und unglaublich leichte Skulpturen in Perfektion erbaut und kumuliert in der Leere des Raums aus natürlichen Komponenten wie Samen, Stängeln, Blüten und Blätter. Es sind künstlich erzeugte Landschaften, die sich aus den neu zusammengesetzten Materialien ergeben, wie sie natürlicher nicht sein könnten. Die deutsche Bildhauerin Christiane Löhr entnimmt ihr Material der Natur, um es ausserhalb seines Kontextes zu neuen, authentischen Gebilden zu errichten.

„[...] können wir die Gesamtheit des skulpturalen Werks von Christiane Löhr als Archipel vollkommener, unberührter Inseln begreifen. Muster höchster Ordnung und vollendeter Proportion, einmalige, seltene Welten, Widerspiegelung der Freuden einer vorindustriellen Zivilisation, wo im Zentrum aller Lebensvorgänge noch die Natur steht, wo diese noch nicht den Gesetzen von Produktion und Wiederholbarkeit unterworfen, sondern auf Authentizität gegründet sind.“

Es könnten kaum berührender Worte sein, welche ihre Werke beschreiben. Der jüngst verstorbene Kritiker, Kurator und Verfasser des Manifests der arte povera, Germano Celant, findet sie in der 2020 erschienen Monografie zur Künstlerin. Der Kunsthistoriker verortet Löhr in einen kunstgeschichtlichen Kontext, indem er Namen wie Joel Shapiro, Donald Judd oder Tony Smith nennt und deren minimalistische Abstraktion sowie den Perspektivenwechsel vom Makro- zum Mikrokosmos, wobei er insbesondere den Aspekt der Überwindung der Land-Art mit ihrer monumentalisierenden Manifestationsform hervorhebt.

Seit den 1990er Jahren arbeitet Löhr, die an der Düsseldorfer Akademie Meisterschülerin von Jannis Kounellis war, mit Naturmaterialien. Sehr detailreich erschafft sie neue Werke, die keine Mimesis, sondern vielmehr formale Objekte darstellen. In ihrer reduzierten, man wagt zu sagen radikal minimalisierten Weise demonstrieren sie geradezu eine Abwesenheit der Landschaft. Der innere Kontext, so Celant, verlagert sich von der Natur ins Erzählerische und Symbolische, vom Physischen zum Metaphysischen, vom realen Ort zur künstlichen Szenerie. Auf diese Weise geschieht eine Rückgewinnung der Natur in ihrer sinnbildlichen Dimension, der Dimension einer sakralen, numinosen, philosophischen Erzählung.

Christiane Löhr arbeitet in ihren Werken vom Zentrum nach aussen in die Peripherie. Sie selbst erkennt in ihrer Arbeitsweise Parallelen zur Sakralarchitektur, z.B. der Gotik oder des Hinduismus, in dem um ein zentrales Element herum gebaut wird, so dass „Glaube Form annimmt [...] als ob sich ein Gedanke materialisiert. Das entspricht der Geste eines Künstlers.“

„Ich lasse mich vom Material leiten und gelange so zur Form. Es geht immer um die Formfindung und der Prozess kommt durch das spezifische Material. Im Grunde findet eine Reibung zwischen dem Material und dem Werk statt.“ Auch in den Zeichnungen von Löhr ist der organische Bezug deutlich ersichtlich. Die Linien des Ölstifts, die über die Blattränder hinaus zu laufen scheinen, driften auseinander, treffen sich wieder, bündeln, verjüngen und verdichten sich. Sie teilen die Fläche in Felder und obwohl die Zeichnungen abstrakt sind, ist es, als ob sie dem Betrachter einen Blick durchs Geäst bieten würden.

Auch bei Zeichnungen amerikanischer Minimalisten wie Brice Marden oder Ellsworth Kelly sind abstrahierte Pflanzenstudien Bestandteil des Oeuvres. Und obwohl in Löhrs Werken der Mensch die Natur zu bestimmen scheint, lässt sich Celants Einbettung des skulpturalen Oeuvres der Künstlerin auch auf ihr zeichnerisches Werk übertragen.

Im Jahre 2018 gab die Schweizerische Graphische Gesellschaft bei Löhr drei Werke auf Papier in Auftrag. Nach der Einzelausstellung im Kunsthaus Baselland 2016 werden die Arbeiten von Christiane Löhr nun das erste Mal wieder in der Schweiz gezeigt.

In der Ausstellung am Zürcher Paradeplatz werden Skulpturen und Arbeiten auf Papier kombiniert mit Fingermalereien von Louis Soutter. Die Berührungspunkte liegen dabei rein auf der ästhetischen Intensität des Duktus, die durch eine Parallele im Farbauftrag entsteht; beide Künstler gestalten den starken Strich ihrer Papierwerke mit den Fingern, wodurch sich eine Ähnlichkeit hinsichtlich der Dynamik und Gestik ergibt, die man als haptisch bezeichnen könnte. Löhr reibt den Ölstift mit den Fingern in die Papierfasern, wohingegen Soutter ab 1937 seine berühmte Fingermalerei schuf, indem er Tusche und Gouache direkt mit den Fingern auf das Papier auftrug. Je nach Intensität seines Fingerabdrucks changiert dabei die Farbe.

Im Haus am Waldsee in Berlin wurde jüngst unter dem Titel Christiane Löhr. Ordnung der Wildnis eine Einzelausstellung der Künstlerin gezeigt, aktuell ist Christiane Löhr in der Jubiläumsausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe Inventing Nature. Pflanzen in der Kunst (bis 31. Oktober 2021) vertreten. Ende 2020 ist eine umfassende Monograhpie über das Schaffen der Künstlerin bei Hatje Cantz erschienen

Besonders freut es uns diese Ausstellung gemeinsam mit Christiane Löhr zum 150. Geburtstag von Louis Soutter realisieren zu können.

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